Stottern

Stottern ist eine Redeflussstörung, die den Sprechablauf unterbricht und bei starker Symptomatik die Verständlichkeit stark beeinträchtigen kann. Die Betroffenen verfügen meist über ein ausgeprägtes Störungsbewusstsein und zeigen so oftmals einen großen Leidensdruck.

Symptome

Die Primär- oder Kernsymptome des Stotterns sind

  1. Wiederholungen von Lauten, Silben oder Wörtern, die zu einer Unterbrechung des Sprechflusses und der –rhythmik führen;
  2. Dehnungen von Lauten, die so nicht beabsichtigt sind;
  3. sowie stumme Blockierungen, bei denen die Artikulationsbewegung unterbrochen ist, was bis zu einigen Sekunden andauern kann.

Die Kernsymptome können jedoch durch die Sekundär- oder Begleitsymptomatik kaschiert oder überdeckt werden, sodass nicht alle stotternden Personen ohne Weiteres leicht identifiziert werden können. Begleitsymptome entstehen bedingt durch die Kernsymptome und können sich äußern in Form von Mitbewegungen, Kompensations- und Vermeidungsstrategien, vegetative Symptome (bspw. Erröten oder Herzklopfen) sowie auch negative Emotionen (z.B. in Form von Sprechangst). Die Symptome sind sehr situations- und tagesformabhängig und können folglich mal mehr und mal weniger stark auftreten.

Ursache

Die Ursache des Stotterns ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Jedoch bestehen zahlreiche Theorien, die das Entstehen von stottertypischen Unflüssigkeiten zu erklären versuchen. Verbreitet sind Erklärungsversuche, die auf Sprachproduktionsmodellen oder neurophysiologischen Erkenntnissen basieren. Einige Theorien schlagen vor, dass bei stotternden Personen eher die rechte (statt wie bei Nichtstotternden die linke) Hemisphäre des Gehirns dominant für Sprache sei und es durch die längeren neurologischen Verarbeitungswegen zu Stockungen im Sprechen kommt (Bloodstein & Bernstein Ratner, 2008). Andere sprechen von anderen neurophysiologischen Auffälligkeiten und sehen Ähnlichkeiten zwischen Stottern und anderen zentralen motorischen Störungen, wie dem Parkinson oder Tic-Störungen (Mulligan et al., 2003; Heiler, 2015). Wiederum andere gehen davon aus, dass stotternde Personen gegen ihre eigenen Unflüssigkeiten ankämpfen und sich die Symptomatik so selbst verstärkt (Bloodstein & Bernstein Ratner, 2008).

Keine der Theorien erklärt das Entstehen des Stotterns hinreichend. Für jede einzelne lassen sich sowohl Indizien und auch Gegenargumente finden. Es ist anzunehmen, dass Stottern eine multifaktorielle Störung ist.

Stottertherapie

Stottern ist nicht heilbar!

Die Symptome des Stotterns können durch eine Therapie reduziert und negative Begleitsymptome abgebaut werden. So können stotternde Sprecher physisch sowie emotional entlastet werden. Eine hundertprozentige Symptomfreiheit ist jedoch in nur wenigen Ausnahmefällen zu erreichen.

Therapieansätze, die eine Heilung versprechen, sollten somit als unseriös betrachtet werden.

 

Erwachsenenalter

In der Therapie mit jugendlichen bzw. erwachsenen Stotternden werden insbesondere 2 Therapieansätze gewählt:

FLUENCY SHAPING

  • Globaler Ansatz: Erwerb eines neuen Sprechmusters, das dem Sprecher die Kontrolle über sein Sprechen zurück gibt
  • Die Sprechkontrolle führt zu Änderungen bestimmter Einstellungen und Gefühle gegenüber sich und seinem Sprechen
  • Reduktion des Sprechtempos und Nutzen des weichen Stimmeinsatzes

STOTTERMODIFIKATION in Anlehnung an van Riper (1978)

  • Lokaler Ansatz: Symptomlösetechniken sollen im Falle von Stotterereignissen eingesetzt werden
  • Negative Emotionen (z.B. Angst) und Reaktionen (z.B. Vermeideverhalten) bzgl. des Stotterns sollen abgebaut werden
  • Verbesserung des Selbstbewusstseins als stotternder Sprecher

 Kindesalter

Sprechunflüssigkeiten treten im Rahmen der Sprachentwicklung bei 5% aller Kinder

auf, allerdings bilden sich diese bei den meisten Kindern relativ schnell zurück. Bestehen die Symptome bis ins Jugendlichenalter, kann von idiopathischem Stottern gesprochen werden. Jungs sind dabei drei- bis viermal so häufig betroffen wie Mädchen.

Nicht allen betroffenen Eltern und Ärzten ist klar, ob und wann eine Therapie im Kindesalter begonnen werden sollte. Nach heutigem Stand sollte das Stottern so früh wie möglich therapiert werden, falls die Symptome länger als 6 Monate andauern und/oder das Kind negativ auf sein Stottern reagiert. Denn im Falle einer frühen Therapie besteht eine bessere Prognose hinsichtlich der Therapiedauer, langfristiger Erfolge und Normalisierung des Sprechens durch eine Generalisierung der Sprechflüssigkeit (Curlee, & Yairi, 1997).

Im Bereich der Kindersprache gibt es drei häufig genutzte Therapieansätze:

LIDCOMBE (Onslow, Packman & Harrison, 2003)

  • Für stotternde Kinder im Vorschulalter (3-6 Jahre)
  • Therapie für stotternde Kinder und deren Eltern: Eltern als Co-Therapeuten
  • Annahme: Jedes Kind zeigt sowohl flüssiges als auch unflüssiges Sprechen àAufmerksamkeit soll auf das flüssige Sprechen der Kinder gerichtet werden
  • Eltern werden angeleitet und sollen unter Anleitung die Therapie durchführen

KIDS bzw. Mini-KIDS (Sandrieser & Schneider, 2004)

  • Für stotternde Kinder im Alter von 2-6 (Mini-KIDS) und 7-12 (Schul-KIDS) Jahren
  • wenn Kinder psychische Negativreaktionen oder Begleitsymptome zeigen
  • „Kinder dürfen stottern, sofern sie das Stottern nicht überwinden“ (Sandrieser & Schneider, 2004)
  • Die Gelassenheit gegenüber dem Stottern sowie die Sprechkontrolle soll gefördert werden

FLUENCY SHAPING (bei älteren Kindern möglich)

  • Globaler Ansatz: Erwerb eines neuen Sprechmusters, das dem Sprecher die Kontrolle über sein Sprechen zurück gibt
  • Die Sprechkontrolle führt zu Änderungen bestimmter Einstellungen und Gefühle gegenüber sich und seinem Sprechen
  • Reduktion des Sprechtempos und Nutzen des weichen Stimmeinsatzes

Alle genannten Therapieansätze werden von unseren Therapeutinnen und Therapeuten angeboten.

 

Poltern

Poltern ist wie das Stottern eine Störung des Redeflusses, bei der nicht durch das Sprechen an sich, sondern auch verwandte Funktionen beeinträchtigt sein können.

Symptome

Das hervorstechendste Symptom ist wohl die erhöhte bzw. irreguläre Sprechgeschwindigkeit. Das heißt, Phasen sehr schnellen Sprechens können sich mit Stockungen im Sprechfluss abwechseln. Auffälligkeiten in der Artikulation, wie z.B. das Auslassen oder Reduzieren von Silben oder Lauten, sowie Formulierungsschwierigkeiten sind andere prominente Merkmale des Störungsbildes. Zudem ist Poltern, im Gegensatz zum Stottern, häufig durch eine mangelnde Wahrnehmungsfähigkeit und damit einhergehend durch ein wenig ausgeprägtes Störungsbewusstsein gekennzeichnet (Sick, 2014).

Interessant ist, dass es auch beim Poltern zu stottertypischen Unflüssigkeiten kommen kann, weshalb eine Einteilung in reines Stottern oder reines Poltern teilweise nicht geleistet werden kann. In der Forschung wird deshalb von Polter-Stottern oder Stotter-Poltern gesprochen, je nachdem welche Störung überwiegt (Sick, 2014).

Darüber hinaus sind Aufmerksamkeits- sowie Konzentrationsleistungen bei betroffenen Personen häufig eingeschränkt, sodass auch andere Störungen (z.B. eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung) begleitend auftreten können.

Ursachen

Ähnlich wie beim Stottern, sind die genauen Ursachen des Polterns unklar. Aktuelle Erklärungsansätze gehen davon aus, dass die Planung, Ausführung und Kontrolle der Sprechmotorik gestört ist (Sick, 2014). Generell wird auch hier davon ausgegangen, dass eine zentrale motorische Störung den Hintergrund der Auffälligkeiten darstellt.

Poltertherapie

In der Therapie des Polterns gibt es derzeit keinen Ansatz, nach dem sturr therapiert werden kann, da das Störungsbild so komplex und vielschichtig ist. Generell werden die verschiedenen für das Kommunizieren wichtigen Bereiche Sprache, Sprechen, Pragmatik, Aufmerksamkeit und Selbstwahrnehmung behandelt (Daly & Burnett, 1999).

Bei jedem Patienten wird individuell untersucht, welche Symptome vorliegen und in welchen Bereichen somit die Therapieschwerpunkte liegen.

Referenzen

Bloodstein, O. & Bernstein Ratner, N. (2008). A handbook on stuttering (6.Auflage). Clifton Park, NY: Delmar Learning.

Curlee, R.F., & Yairi, E. (1997). Early intervention with early childhood stuttering: a critical examination of the data. American Journal of Speech-Language Pathology, 6, 8-18.

Daly, D.A. & Burnett, M.L. (1999). Cluttering: Traditional Views and New Perspectives. In: Curlee, R.F. (Hrsg).

Heiler, S. (2015). Charakteristika und Bedeutung der Stotterantizipation – phänomenologische Begleiterscheinung oder Indiz für eine Basalganglienstörung? Unveröffentlichtes Manuskript. Universität Bielefeld.

Mulligan, H. F., Anderson, T. J., Jones, R. D., Williams, M. J., & Donaldson, I. M. (2003). Tics and developmental stuttering. Parkinsonism and Related Disorders, 9, 281-289.

Onslow, M. Packman, A. & Harrison, E. (2003). The Lidcombe Program of Early Stuttering Intervention. A Clinician’s Guide. Austin, TX: Pro-Ed.

Sandrieser, P. & Schneider, P. (2004). Stottern im Kindesalter (2.Auflage). Stuttgart: Thieme Verlag.

Sick, U. (2014). Poltern. Theoretische Grundlagen, Diagnostik, Therapie (2.Auflage). Stuttgart: Thieme Verlag.

Van Riper, C. (1978). Speech correction: Principles and methods (6. Aufl). Englewood Cliffs, NJ: Prentice-Hall.