Laryngektomie – plötzlich stimmlos?

Stimmrehabilitation nach einer Kehlkopfentfernung

Was ist Stimme und was bedeutet sie Ihnen? Bestimmt haben Sie sich bisher kaum mit diesem Wunderwerk unseres Körpers auseinandergesetzt, richtig? Nun, unsere Stimme ist ein faszinierendes Produkt unserer Ausdrucksfähigkeit, welches aus einem ausgeklügelten Zusammenspiel von Atmung, Muskelaktivität und einer Reihe komplexer Befehle des Gehirns entsteht. Ausatemluft strömt auf ihrem Weg von der Lunge durch den Kehlkopf (Larynx) an den sich hier befindenden Stimmbändern vorbei und versetzt diese in Schwingungen – ein Ton entsteht. Dieser Ton wird auf dem Weg zum Mund durch die verschiedenen Strukturen des Nasen-Rachen- und Mundraumes geformt. So erhält Ihre Stimme ihren unverwechselbaren Klang. Wussten Sie schon: Ihre Stimme ist einzigartig wie ein Fingerabdruck, es gibt sie kein zweites Mal!Unsere eigene Stimme ist unser direktestes und wichtigstes Kommunikationsmittel, um mit unserer Umwelt in Kontakt zu treten. Sie ist untrennbar mit unseren Emotionen verbunden, so vermitteln wir mit ihr stets unsere Stimmungslagen und Gefühle auf unverwechselbare Art und Weise. Zahlreiche Redewendungen wie: „Ich bin dazu nicht in der Stimmung“ oder „Mir bleibt plötzlich das Wort im Halse stecken“ machen das mehr als deutlich. Ohne Kehlkopf ist dies alles undenkbar.


Neben der Stimmproduktion fungiert der Kehlkopf nämlich als Körperventil, der es uns u. A. ermöglicht innerkörperlichen Druck aufzubauen, um körperlich anstrengende Tätigkeiten zu vollführen und vor Allem zum Schutz der unteren Atemwege vor Fremdkörpern, wie beispielsweise Speisen (der Kehlkopf schützt bspw. mit dem Kehldeckel (Epiglottis) bei jedem Schluckvorgang unsere Atemwege vor Eindringen von Nahrung und Flüssigkeiten). Was macht also die Entfernung eines so wichtigen Körperteils notwendig?


Die Gründe für eine Laryngektomie (LE oder Kehlkopfentfernung), welche auch als Kehlkopfextirpation oder Kehlkopfentfernung bezeichnet wird, sind vielfältig und betreffen meistens den lokalen Bereich in und um den Kehlkopf. Häufigste Ursachen sind dabei Tumore. Im Bereich des Larynx (Kehlkopf), der Schilddrüse, der Glottis (Stimmritze), der Trachea (Luftröhre), des Hypopharynx (unterer Rachen) sowie traumatische Schädigungen des Kehlkopfes durch bspw. Unfälle, Gewalteinwirkung etc.In Deutschland werden heute noch etwa 3000 komplette Laryngektomien pro Jahr durchgeführt, wobei vor allem Männer mit ca. 90% und Frauen mit 10% betroffen sind . Die Überlebens- und Heilungsrate bei rechtzeitiger Diagnose liegt bei ungefähr 80%, welche sich bei fortschreitendem Krankheitsbild deutlich verringern können (v. A. Karzinomen).
Die Folgen einer Laryngektomie (LE) sind vielfältig und können nur als einschneidend bezeichnet werden. So ergibt sich aus einer LE ein kompletter Verlust der Stimmfunktion sowie eine dauerhafte Trennung des Atem- und Speiseweges durch Anlage eines Tracheostomas (permanente Öffnung der Luftröhre oder auch Luftröhrenschnitt). Je nach Schwere der Erkrankung und des chirurgischen Eingriffs können auch Halsweichteile (Neck dissection) sowie Nerven, Blutgefäße oder Muskeln  entfernt werden – mit entsprechenden Einschränkungen. Neben dem Stimmverlust können sich so auch Beeinträchtigungen im Bereich des Geruchs- und Geschmackssinnes, der Atmung, der Beweglichkeit und Muskelkraft und insbesondere der psychsozialen Ebene (Stigmatisierung, sozialer Rückzug, Depressionen, etc.) ergeben.


Doch ist man nach einer Laryngektomie für immer seiner Stimme beraubt? Nicht unbedingt! Dank zahlreicher therapeutischer Mittel und Behandlungsansätzen ist es möglich die Folgen einer LE zu reduzieren, abzumildern oder Funktionen ganz bzw. teils wiederherzustellen. Die am häufigsten angewendeten Methoden zur Stimmrehabilitation sind das Pseudoflüstern, die Ösophagusersatzstimme (Ruktusstimme), die Versorgung mit einem Shunt-Ventil oder die Anwendung von elektronischen Sprechhilfen. Jede dieser Methoden hat Vor- und Nachteile und der Einsatz und die Anwendung wird stets auf den jeweiligen Patienten individuell angepasst. Eins ist allen Stimmrehabilitationsmethoden jedoch gemein: Sie bezwecken mehr oder minder die Rückführung des Patienten zu einer Stimme. Zum Teil kann mit spezifischen Methoden sogar der eigene Stimmklang wieder annähernd hergestellt werden, wenn alle Vorraussetzungen dafür gegeben sind. Hier sollte unbedingt immer gemeinsam mit einem/er Logopäden/in und den behandelnden Ärzten erörtert werden, welche Methode sich im individuellen Fall empfiehlt. Neben der Rehabilitation der Stimme kann aber selbstverständlich auch auf nonverbale Kommunikationsmittel- und Strategien (Sprachcomputer, Kommunikationsbuch, Schreiben etc.) zurückgegriffen werden.


Sicher ist Ihnen jetzt begreiflich geworden, dass eine Laryngektomie mit weitreichenden Konsequenzen für Körper, Geist und Seele einher geht. Fest steht sicher auch, das das Leben nach einer LE nicht mehr das Gleiche wie zuvor sein wird – aber es ist ein Leben, ein neues Leben, vielleicht sogar Ihres. Laryngektomierte sind ihre Stimme los, aber längst nicht stimmlos!

Autor: Marc Seifert, Theralingua

Quellen:

  • Springer Verlag [Hrsg.] (2019): Laryngektomie – Von der Stimmlosigkeit zur Stimme, 3. Auflage
  • Bundesverband der Kehlkopfoperierten e.V. [Hrsg.] (2013): Kehlkopfkrebs – Eine Patienteninformation als Hilfe zur Behandlungsentscheidung, 5. Auflage.
  • Deutsche Krebshilfe e.V. [Hrsg.] (2012): Rachen und Kehlkopfkrebs – Ein Ratgeber für Betroffene, Angehörige und Interessierte – Die Blauen Ratgeber 11. Bonn 

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